Neue Bühne für junge Autoren

3 Posted by - Juli 18, 2014 - null22eins

Junge Autoren haben es in Köln nicht leicht. Während in anderen Städten immer mehr Lesebühnen entstehen, fehlen in Köln entsprechende Foren.

Die junge Literaturszene lebt von neuen, unkonventionellen Initiativen, frischen Lesereihen, überraschenden Magazinen, neuartigen Text- und Veranstaltungsformen. Während in vielen deutschen Städten, allen voran in Berlin, immer wieder Lesebühnen entstehen, gibt es in Köln seit Jahren nur wenige Initiativen dieser Art. Dabei scheint das Interesse an neuen Texten so groß wie lange nicht. Immer neue Literaturwettbewerbe und -zeitschriften entstehen – nur meist nicht in Köln.

Die Sogwirkung Berlins hat viele Nachwuchsautoren in die Hauptstadt geschwemmt und die beiden Literaturinstitute in Hildesheim und Leipzig ziehen seit den 2000er Jahren immer mehr junge Schreibende an.  Gleichzeitig sind in Köln die Lesebühnen rarer geworden. Dabei ist das Interesse da. „Die Lesungen sind immer voll“, sagt Christoph Danne, der zweimal im Jahr die Veranstaltungsreihe HELLOPOETRY! organisiert, die einzige Lesebühne für junge Lyrik aus der Region. Ziel sei es, den „vielen guten Leuten, die nicht zwingend eine Veröffentlichung haben“, eine Plattform zu bieten. Im Anschluss an die Lesungen gibt es Musik, einen Büchertisch. Die lockere Atmosphäre macht es leicht, mit den Autoren ins Gespräch zu kommen. Die zwei Termine im Jahr hätten sich bewährt, so dass Danne überlegt, seine Lesereihe auszuweiten. Der wichtigste Treffpunkt für Kölner Autoren ist der Literaturklub. Jeden Monat lädt der Autor und Verleger Adrian Kasnitz Autoren ein, ihre Texte im Theater der Wohngemeinschaft vorzustellen. Adrian kennt die meisten Autoren persönlich. Die freundschaftliche Stimmung auf der Bühne überträgt sich schnell aufs Publikum. Die Liste an Autoren, die bereits zu Gast waren, liest sich wie ein „Who is who“ der Kölner Literaturszene: Rolf Persch, Gerrit Wustmann, Thorsten Krämer, Marie T. Martin und viele andere sind bereits bei Adrian aufgetreten.

Der Nachwuchs muss sich selbst organisieren

Literaturklub und HELLOPOETRY! sind beachtenswerte Veranstaltungen für junge Literatur. Zusammengenommen kommen beide Formate jedoch gerade auf zehn Abende im Jahr. Während in Berlin in jedem zweiten Café monatlich oder sogar wöchentlich gelesen wird, sind die Chancen für Nachwuchsautoren in Köln deutlich begrenzter. Für die Autoren Xaver Römer und Julia Trompeter, die „mit ihren Sprechduetten“ auch über Köln hinaus bekannt wurden, sind an dieser Stelle die Schreibenden selbst gefordert: „Der Nachwuchs muss sich selbst organisieren.“ In Köln fehle es an freien Initiativen junger, noch unbekannter Autoren. Sich selbst auszuprobieren und eigene Texte vor Publikum zu lesen, sind wichtige Erfahrungen.

Natürlich sind solche Events nicht ohne Aufwand zu realisieren. Letztlich sei das aber „kein Geldfaktor, sondern ein Zeitfaktor“, sagt Christoph Danne, der sich über neue Initiativen in Köln freuen würde. Gerade dieser „Zeitfaktor“ scheint das Problem zu sein: Der Sozialdruck auf junge Erwachsene ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. „Die Veränderungen durch den Bologna-Prozess und gesellschaftliche Entwicklungen lassen Studenten kaum noch Zeit für außeruniversitäre Aktivitäten“, meinen Römer und Trompeter, die ihre ersten Auftritte im Café Duddel bei der Lesereihe „Literatur um acht“ hatten. Dort hätte es zwar nicht nur gute Texte gegeben, dafür aber die Chance, eigene Werke vor Publikum vorzutragen. An genau solchen Lesebühnen fehlt es heute in Köln.

Parasitenpresse und Tauland

Die Literaturszene einer Stadt wird maßgeblich von ansässigen Verlagen mitgestaltet. In Köln treten die Großverlage Kiepenheuer & Witsch und DuMont jedoch nur selten als Veranstalter auf. Insbesondere was jüngere Autoren betrifft, wird man schnell wieder auf die gleichen Protagonisten treffen. Als Ort für junge Schreibende, die „raus wollen mit ihren Texten“, gründete Adrian Kasnitz vor gut 14 Jahren den auf Lyrik spezialisierten Verlag „Parasitenpresse“. Bei der Auswahl der Autoren bewies er seitdem ein gutes Gespür für junge Talente: Lyriker wie Björn Kuhligk, Ron Winkler und Tom Schulz, die heute zu den Großen der zeitgenössischen Dichtung zählen, haben in frühen Jahren im Kölner Kleinverlag veröffentlicht. Keine Frage, in der Parasitenpresse ist die Lyrik gut aufgehoben. Die kleinen 14-seitigen Lesebändchen werden in Handarbeit hergestellt und sind mit fünf bis sechs Euro äußert erschwinglich. Seit neuestem werden in der Reihe „Die nummerlosen Bücher“ auch Titel von 40 Seiten veröffentlicht.

Seit 2009 bemühen sich auch Christoph Danne und Rodion Ebbighausen, mit dem Kleinstverlag Tauland eine weitere Plattform in Köln zu schaffen, die nicht primär kommerziell ausgerichtet ist und Nachwuchsautoren eine Chance bietet. Wichtig ist ihnen, dass sich der Verlag von selbst trägt: Jedes Buch finanziert das nächste. So konnten die Verleger in vier Jahren bereits vier Bücher publizieren. Zuletzt einen Lyrikband der bis dato weitgehend unbekannten Mainzer Autorin Sonja Breker.

Reine Kalendarien reichen nicht aus

Ein großes Problem für junge Autoren und Veranstalter ist die fehlende Berichterstattung in Köln. Lesungen und Literaturabende finden in der lokalen Presse quasi nicht statt – ausgenommen die Blockbuster-Abende der lit.cologne oder vereinzelte Großveranstaltungen im Literaturhaus. „Reine Kalendarien reichen aber nicht aus! Eine ausgewogene Berichterstattung fehlt völlig“, beklagt Danne die traurige Situation im Kölner Feuilleton. Während in der Theaterszene die AKT Theaterzeitschrift regelmäßig über aktuelle Produktionen berichtet und im Kunstbereich Magazine wie MOFF lokale Künstler vorstellen, klafft im Literaturbereich ein riesiges Loch. Autoren wie Stan Lafleur gehen bereits selbst dazu über, von ihren Erlebnissen in der Kölner Literaturszene zu bloggen. Diese Entwicklung verwundert, da die Veranstaltungen alles andere als schlecht besucht sind.

Es ist zu wünschen, dass auch in Köln das journalistische Interesse an junger Literatur wieder zunimmt, damit neue und bestehende Initiativen wieder stärker ins Bewusstsein einer kulturinteressierten Öffentlichkeit geraten. Köln hat eine lange Tradition als Literaturstadt. Lasst uns das nicht durch einen starren Blick auf Berlin und die Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig vergessen machen.

 

TEXT /// ANDRÉ PATTEN

ILLUSTRATION /// STEPHANIE PERSONNAZ

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